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Gestern hat die offizielle Internetpresseagentur (ipa) bekannt gegeben, dass 160 Anschläge pro Minute nicht selten sind. Immer mehr Anschläge rollen über die digitale Welt hinweg. Mit unbändiger Gewalt kommen sie, wie eine Flut, über uns. Sie werden nicht aufhören ihre schwarzen, spitzen Waffen in Blogs und Tweets zu rammen, bis sie ihre Botschaft verkündet haben, bis wir ihnen Gehör schenken. Sie sind mächtig. Sie sind viele. Wir müssen uns mit dem Problem der textlichen Terroristen auseinandersetzen, sonst werden sie jedes Bit und Byte mit ihren radikalen Parolen füllen, wie sie es auch schon mit unserem Nachbarland Zellstoff versucht haben. Im Web haben sie unendlichen Raum um ihre Botschaften zu verbreiten und unschuldige Pixel schwarz zu färben. Ihre Zahl und Qualität steigt. Wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, wird es ein schreckliches Ende nehmen. Wir müssen das Web selbst mit Tweets über Kekse und Nachrichten über Kühe in Schwimmbecken füllen. Wir müssen witzige Gruppen auf »Facebook« & Co gründen und immer wieder sich gleichende Partybilder hochladen, bis kein Bit mehr frei ist – für die Wahrheit! Denn die Wahrheit ist schrecklich! Ja. Die Wahrheit ist schrecklich. Doch nur weil wir sie mit unserem alltäglichen Terror so schrecklich machen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Machen wir der schrecklichen Wahrheit ein Ende und terrorisieren sie mit guten Tweets, witzigen Blogeinträgen und frechen Kommentaren. Wir bombardieren die schreckliche Wahrheit mit schwarzen, rosa, roten, blauen, grünen und weißen Pixel bis sie aussieht wie Donald Duck.  Bis das Internet gefüllt ist wie Dagoberts Geldspeicher und aus allen Nähten platzt. Und dann drücken wir auf den Delete-Button und die Welt wird ein Stückchen sicherer dem Abgrund entgegen gehen. Schön waren die Tage, als der Reset-Knopf noch als allgegenwärtiger Helfer, Retter und Heilsbringer die Fehlbarkeit von Sprache, Programmiersprache, Betriebs-Systemen, Wirtschafts-Betrieben und Betriebswirtschaft zum Ausdruck bringen durfte. Doch sie sind vorbei. Wie kann man also heute Anschläge verhindern oder zumindest reduzieren? Sollte man alle Zehnfingerkurse verbieten? Und alle Seminare für kreatives Schreiben oder sonstigen Unfug, der die Lust am Anschlag und damit die Anschlagsgeschwindigkeit erhöht? Sollte man die Tastatur alphabetisch anordnen, wie es schon der inzwischen selig in den Jagdgründen des Kapitalismus schlummernde VEB Robotron mit dem extrem unerfolgreichen Modell Z9001 demonstriert hat, dessen Betriebssystem zudem den sehr ehrlichen Namen HC-CAOS trug? Sollte man das Zweifinger-Adlersuchsystem zum Schulpflichtfach machen? Oder sollte man völlig darauf verzichten, Schreiben zu lehren, da die Anschlagshäufigkeit eines Analphabeten gegen Null geht? Nein, ich finde, es genügt, auf jedem verfügbaren Rechner Windows Vista ohne Servicepack zu installieren. Beim Jammern über einen Absturz, beim vergeblichen Hochbooten und erfolglosen Dechiffrieren von Fehlermeldungen sind schließlich keine Anschläge möglich. Wir werden damit zur digitalen Nullsumme, wir produzieren nur das, was wir noch vor dem Speichern wieder vernichten. Wir fallen niemandem zur Last und unsere wohlformulierten Gedanken werden niemals publik. Es gibt keine Revolutionen mehr. Niemand begehrt mehr oder begehrt mehr auf. Die Renten bleiben sicher. Allerdings nur für die Rentner. Ist es nicht das, was wir alle wollen? Klar, ein paar Unbekehrbare wehren sich noch dagegen. Deshalb müssen die Daten unbedingt auf Vorrat gespeichert werden, damit jeder Anschlag schon bekannt wird, bevor er durchgeführt werden kann. Besser noch wäre allerdings eine Brain-to-Innenministerium-Schnittstelle. Die entsprechende Spende des Herstellers vorausgesetzt, findet sich bestimmt eine Partei, die den Vorschlag unterstützt. Beispielsweise die Mövenpick-Partei, die einzige offen und ehrlich am Geld interessierte Interessenvertretung der deutschen Politik. Sie finden das ungerecht? Nur weil eine alte Frau lang dafür stricken muss, um sich mit einem ansehnlichen Geldbetrag ins Gewissen der Partei zu spenden? Wieso denn? Niemand zwingt sie zu stricken! Als Atomkraftwerksbetreiberin beispielsweise hätte sie das Geld schnell zusammen. Statt Pullover zu stricken, streckt sie eben ein wenig die Reststrommenge. Nur weil das ein Dealer auch mit Kokain macht, ist das doch noch lange nicht illegal! Außerdem haben die Menschen selbst in Hunderttausend Jahren noch etwas von den Überresten der Reststrommenge! Fünfbeinige Hunde beispielsweise. Das bringt wenigstens ein bisschen Abwechslung ins Leben und Schlagzeilen in die Kioskauslagen. Je mehr dort die Zeilen geschlagen werden, desto weniger kommt der gemeine Mensch auf die Idee, eigene Anschläge zu planen oder gar auszuführen. So sind wir am Ende alle Gewinner. Manche zwar nur mit einem Dreier, obwohl sie auf dem Lottoschein namens Leben einiges mehr gesetzt haben, aber das zu diskutieren, wäre nun wirklich kleinkariert So ist es eben. \"Und die Erde dreht sich weiter, als ob nichts gewesen wär. - Da steigen einem die Tränen in die Augen.\" meint der Blumentopf.  Doch zum Vergießen kommt es nicht, wenn die medienselektive Sehkraft sich Sekunden später schon in zwitschernden Endlosloops verirrt.  Dann zaubert dies manchem ein Lächeln ins Gesicht. Ich starrte vor mich hin. Abwechselnd auf den Bildschirm oder die Wand vor mir. Mein Kopf war leer. Meine leere Körperhülle saß zusammengesunken auf einem Schreibtischstuhl einer winzigen Stadtwohnung in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Ich hatte nur noch wenige Stunden, bis ich diesen Artikel abgeben musste. Es war meine letzte Chance. Auf dem Bildschirm blinkte unermüdlich ein schwarzer Strich auf dem fast leeren weißen Schreibdokument. Am Rand hatte sich das kleine Kätzchen zum Schlafen zusammengerollt. Der schwarze Strich forderte mich auf, ihn endlich davon zu erlösen, immer auf ein und derselben Stelle blinken zu müssen. Und das schon seit Wochen. Er blinkte immer ungeduldiger und unkontrollierbarer. Ich starrte ihn an und wartete darauf, dass er jeden Moment explodierte und mit ihm der Bildschirm. Ich würde mir den gesamten Oberkörper verbrennen und ins Krankenhaus kommen. Dass ich dann meinen Artikel nicht rechtzeitig fertig schreiben konnte, verstand sich ja wohl von selbst. Doch die erwünschte Explosion blieb aus. Der Strich blinkte vorwurfsvoll und unerbittlich weiter. Ich würde gefeuert werden. Ich begann auf dem kleinen Kätzchen herumzudrücken. Ich ließ es mehrmals miauen, stempeln, Papier zerreißen und sich in Zahlen auflösen. Ich gähnte, lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und betrachtete die Postkarten an der Wand. Ich versank in der Leere meiner Gedanken ,und als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Sofa und starrte auf den Fernseher. Ich spürte den schwarzen Strich bedrohlich im Nacken blinken. Gerade stritt sich ein Pärchen lautstark über vermeintliche Untreue, das Publikum johlte, die Moderatorin versuchte vergeblich, ihre Abschätzigkeit ihren Gästen gegenüber zu verbergen, und führte diese unter geheuchelter Anteilnahme weiter vor. Ich wand den Kopf. Draußen schien die Sonne. Das Fenster war weit geöffnet und die Geräusche aus der Fußgängerzone drangen zu mir herauf. Im Badezimmer schaute mir ein fahles, von fettigem Haar umrahmtes Gesicht entgegen. Ich ignorierte es beharrlich und pinkelte, überlegte, ob ich duschen sollte. Wozu? Ich würde die Wohnung heute eh nicht verlassen. Ich hatte keine Termine, keine Besorgungen zu erledigen. Mein Kühlschrank war leer, aber das war egal. Ich lebte von Kaffee und Zigaretten. Außerdem hoffte ich, wenn ich lange genug das leere Schreibdokument anstarrte, würde es sich womöglich erbarmen und sich von selbst füllen. Buchstabe um Buchstabe, Wort für Wort - Fertig ist der erste Satz. Plötzlich ging ein Ruck durch ihren gebeugten Körper, ihre Schultern strafften sich, ihre Wirbelsäule richtete sich auf: Was Helene Hegemann konnte, konnte sie noch lange!  ...
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